Meine ersten Erfahrungen im Schüleraustausch

Die letzten Vorbereitungen

Meine letzten Tage in Deutschland waren auf jeden Fall besonders. Natürlich standen noch letzte Besorgungen an, darunter auch mein Koffer, da ich tatsächlich noch keinen Koffer in der passenden Größe hatte. Das Kofferpacken war, trotz des Probepackens, recht anstrengend und ich wusste bis zum Abreisetag nicht, ob wirklich alles in das Gewichtslimit passt. Am Ende hatte ich noch ungefähr ein Kilogramm Luft nach oben.

Die Verabschiedungen von meiner Familie und Freunden waren schon etwas Neues für mich, weil ich noch nie so lang weg von zu Hause war und manche meiner Freunde auch nach dem Austausch für längere Zeit nicht mehr so oft sehen würde. Als letztes musste ich mich dann noch von meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder verabschieden, was leichter war, als ich erwartet hatte.

Die eigentliche Anreise verlief weitestgehend reibungslos. Allerdings bin ich sehr früh von Frankfurt losgeflogen. Noch im Flugzeug hatte ich meinen ersten WOW-Moment, als die irische Küste am Horizont im Flugzeugfenster auftauchte. In Dublin kam ich dank des kurzen Fluges ebenfalls früh an und wurde von Betreuern des Programms herzlich empfangen. Danach durfte ich erstmal für mehrere Stunden auf andere Austauschschüler warten und hatte so schon einmal Zeit, die Situation auf mich wirken zu lassen. Insgesamt habe ich den Tag meiner Anreise sehr gut in Erinnerung.

Meine irische Gastfamilie

Das erste Treffen mit meiner Gastfamilie war interessant. Die Lebenssituation meiner Gastfamilie unterscheidet sich stark von meiner Familie in Deutschland und das hat bei mir den ersten richtigen Kulturschock ausgelöst. Sowohl meine Gastmutter als auch mein Gastvater sind Milchbauern und leben dementsprechend auf einem Bauernhof mit Kühen, eine eher ungewohnte Umgebung für mich.

Neben meinen Gasteltern habe ich noch fünf Gastgeschwister, von denen die jüngsten zwei noch zu Hause wohnen und die anderen ab und zu vorbeischauen. Auf dem Bauernhof leben nicht nur meine Gastfamilie und Kühe, sondern auch noch vier Hunde. Außerdem ist mit mir noch ein italienischer Austauschschüler angekommen, der ebenfalls hier seinen Austausch verbringt.

Da ich in Deutschland keine Haustiere habe, in einem recht kleinen Haushalt in einer eher städtischen Umgebung lebe, war diese Situation schon besonders. Trotzdem hatte ich mich nach den ersten zwei, drei Tagen wirklich gut eingelebt, was auch an meiner sehr herzlichen Gastfamilie liegt.

Die ersten Wochen und der Schulanfang

Die Schule hat für mich erst eine Woche nach meiner Ankunft begonnen, da hier unterschiedliche Schulen und Jahrgänge zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit der Schule beginnen. Diese erste Woche konnte ich dann schon mal nutzen, um die Gegend zu erkunden und ein bisschen Sightseeing zu machen. Zugegeben war es aber ein bisschen komisch, nachdem ich erst drei Tage hier war, auf mich allein gestellt in einer neuen Umgebung Ausflüge zu machen.

Eine Woche später hat dann die Schule auch schon angefangen. Der größte Unterschied, der mir direkt aufgefallen ist, war der Schulbeginn um neun Uhr. Das hat meine ganze Morgenroutine deutlich entspannt. In der Schule müssen die Schüler eine Schuluniform tragen, aber abseits des Erscheinungsbildes ist auch der Unterricht anders als in Deutschland.

Ich gehe ins sogenannte Transition Year, welches es in dieser Form nur in Irland gibt. Das Jahr ist freiwillig und soll den Übergang in die Oberstufe darstellen, statt akademischen Vorankommen steht persönliche Entwicklung und freie Entfaltung der Schüler im Vordergrund. Der Unterricht ist lässiger und konzentriert sich in vielen Fächern auf einzelne Projekte. Bei uns gab es beispielsweise schon einen Tag der Kulturen, in Kunst arbeiten wir gerade an einem Mosaik für die Stadtbibliothek und im Dezember steht ein Musical an, bei dem die Schüler des Transition Year mithelfen und planen.

Außerdem werden keine Tests geschrieben. In den Fächern, in denen nicht an Projekten gearbeitet wird, gibt es weniger Unterricht nach Lehrplan und Schüler arbeiten mit den Lehrern zusammen, um Themen zu finden, die die Schüler interessieren. Wie das Transition Year gestaltet wird, ist von Schule zu Schule unterschiedlich und kann stark variieren.

Fächer, Extracurriculars und Clubs

Die Fächer im Transition Year sind genauso besonders wie das Jahr selbst. Insbesondere die sogenannten Module, die nach acht Wochen geändert werden und von Klasse zu Klasse unterschiedlich sind. Bis jetzt hatte ich zum Beispiel das Fach „Driver Ed“, was Schüler über alles rund um Autos und Verkehr aufklären soll. Mein bisheriges Lieblingsfach ist auch ein Modul, und zwar Robotik.

Die Fächer, die keine Module sind, sind aber keinesfalls langweilig. Ein Beispiel ist das Fach Enterprise, bei dem Schüler ein Mini-Unternehmen gründen und an landesweiten Wettbewerben teilnehmen. Ein weiteres Fach, das einzigartig in Irland ist, ist Irisch, was ein Großteil der Schüler lernen muss. Ich verstehe zwar nicht viel, aber der Unterricht ist trotzdem interessant und ich konnte bis jetzt einiges über die Entstehung und Entwicklung der irischen Sprache aufschnappen.

Neben dem normalen Unterricht und den vielen Projekten gibt es zusätzlich noch Clubs. Die meisten Clubs sind eher auf Sport fokussiert und stellen Mannschaften für Fußball, Hurling und Camogie. Da ich persönlich nicht besonders Lust auf eine der Schulmannschaften hatte, bin ich dem Robotik-Club beigetreten. Außerhalb der Schule bin ich noch auf der Suche nach einem passenden Club. Ich habe mich allerdings schon bei einem Schwimmclub beworben und warte gerade noch auf eine Rückmeldung.

Mein Alltag, Freizeit und Ausflüge

Mein Alltag ist insgesamt relativ entspannt. Im Transition Year gibt es fast keine Hausaufgaben und nach der Schule unternehme ich manchmal etwas mit Freunden. Bis zum Abendessen habe ich Freizeit und arbeite an Hobby-Projekten oder lese. Nach dem Abendessen schreibe ich oft noch etwas Tagebuch oder mache Pläne für die kommenden Tage.

Am Wochenende stehen die Ausflüge an. Samstags meist zu zweit mit meinem italienischem Gastbruder oder in einer größeren Gruppe aus anderen Austauschschülern und sonntags größtenteils allein. Die Samstage nutzen wir hauptsächlich für kleine und große Tagesausflüge, zum Beispiel nach Ennis, Limerick oder Galway, oder um Freunde zu treffen.

An den Sonntagen bin ich oft allein in der Umgebung unterwegs und erkunde die Dörfer und die Natur. Direkt in unserer Nähe sind beispielsweise die berühmten Cliffs of Moher und der Burren Nationalpark. Aber auch die vielen kleinen Dörfer mit ihren Cafés liebe ich zu erkunden und finde immer ein schönes Fleckchen.

Nicht alle Ausflüge plane ich selbst, denn auch im Transition Year gibt es zahlreiche Trips und Exkursionen.

Direkt in der ersten Woche waren wir surfen und zwei Wochen später auf den Aran Islands, einer Inselgruppe, auf der tatsächlich noch Irisch gesprochen wird. Es steht eigentlich jeden Monat mindestens ein gemeinsamer Ausflug an, aber einzelne Klassen oder Projektgruppen machen meist unabhängig davon noch weitere Ausfahrten. Unser nächster gemeinsamer Ausflug wird Paintballing sein.

Fazit

Wenn ich eine Zwischenbilanz ziehen müsste, würde ich sagen, dass der Austausch meine Erwartungen voll und ganz übertrifft. Auch wenn nicht immer alles wie geplant läuft, überraschende kulturelle Unterschiede auftreten oder die Bestellung einer Leap Card unerwartete Hürden bereithält, freue ich mich trotzdem jeden Tag wieder hier sein zu dürfen.

Insbesondere die vielseitigen irischen Landschaften und die farbenfrohen Städtchen überraschen mich immer wieder aufs Neue. Aber ich merke auch, wie viel Eigeninitiative und Integration ein abwechslungsreicher Austausch benötigt. Ich bin gespannt, was die nächste Zeit hier in Irland für mich bereithält und hoffe, ich konnte euch einen Einblick in mein bisheriges Austauscherlebnis geben.

Mit freundlichen Grüßen von der irischen Westküste, Collin